Kapitel IV · Ausblick
Was das für die Organisation der nächsten Jahre bedeutet
Was jetzt kommt, ist eine Einschätzung und keine Prognose mit Zahlen. Ich schreibe sie auf, weil ich sie in Gesprächen ohnehin vertrete, und weil man eine Einschätzung nachlesen können sollte, wenn sie sich als falsch herausstellt.
Über die Zukunft künstlicher Intelligenz wird viel gesagt, meist von Leuten, die etwas verkaufen, oder von Leuten, die davor warnen. Beide Gruppen reden über die Technik. Mich beschäftigt etwas anderes: was mit der Art zu tun hat, wie Betriebe sich organisieren — wer wofür zuständig ist, wie Erfahrung entsteht, wer wen fragt. Diese Dinge ändern sich langsamer als die Technik und wirken länger nach.
Erstens
Das Ende der Projektlogik
Deutsche Betriebe organisieren Veränderung in Projekten: Es gibt einen Anfang, ein Budget, eine Lenkungsgruppe und irgendwann eine Abschlusspräsentation. Für den Bau einer Halle ist das eine gute Form. Für den Einsatz künstlicher Intelligenz ist sie falsch, und ich halte das für den teuersten Denkfehler der kommenden Jahre.
Der Grund ist einfach: Was hier eingeführt wird, verändert sich nach der Einführung weiter. Modelle werden ausgetauscht, Anbieter ändern Bedingungen, die Rechtslage entwickelt sich, und was vor einem halben Jahr nicht ging, geht plötzlich. Ein Vorhaben, das mit einer Abschlusspräsentation endet, hinterlässt einen Zustand, den niemand pflegt — und in zwei Jahren steht wieder ein Projekt im Plan, das dasselbe noch einmal macht.
Was stattdessen nötig ist, klingt unattraktiv: ein Dauerbudget, eine benannte Person, ein fester Überprüfungstermin. Also das, was für Arbeitssicherheit oder Datenschutz seit Jahren selbstverständlich ist. Ich rechne damit, dass sich das durchsetzt — nicht aus Einsicht, sondern weil die zweite und dritte Wiederholung desselben Projekts auffällt.
Zweitens
Die Stelle in der Mitte wird knapp
Gesucht werden derzeit zwei Sorten von Leuten: solche, die die Technik beherrschen, und solche, die das Fach beherrschen. Beide gibt es. Was fehlt, sind Leute, die zwischen beiden übersetzen können — die einer Sachbearbeiterin zuhören und daraus eine Anforderung machen, und die einem Entwickler sagen können, warum die dritte Ausnahme im Ablauf keine Schlamperei ist, sondern eine gesetzliche Vorgabe von 2014.
Diese Rolle hat in vielen Häusern keinen Namen und keine Stelle. Sie wird von Menschen ausgefüllt, die zufällig lange genug dabei sind, und geht verloren, wenn diese Menschen gehen. Ich rechne damit, dass sie in den nächsten Jahren einen Namen bekommt und dass sie teuer wird.
Für mittelständische Häuser ist das eine Chance und ein Risiko zugleich. Die Chance: Solche Leute sind oft schon da, sie sitzen nur an der falschen Stelle im Organigramm. Das Risiko: Wer sie nicht findet und benennt, kauft die Rolle künftig teuer von außen ein — und zwar dauerhaft.
Drittens
Woher sollen die Erfahrenen kommen?
Das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, und ich habe keine gute Antwort darauf.
Erfahrung entsteht durch Aufgaben, die eine Berufsanfängerin überfordern und nicht zerstören. Den ersten Schriftsatz entwerfen, den ein anderer korrigiert. Die einfachen Fälle bearbeiten, bis man merkt, dass sie nicht einfach sind. Zusammenfassungen schreiben, Protokolle führen, Unterlagen sichten. Genau diese Aufgaben sind die, die sich am leichtesten abgeben lassen.
Wenn sie verschwinden, verschwindet nicht die Arbeit — die Arbeit verschiebt sich zum Prüfen. Prüfen aber setzt voraus, was man beim Erstellen gelernt hätte. Man kann nicht beurteilen, was man nie selbst gemacht hat. Ein Betrieb, der seine Anfängeraufgaben vollständig abgibt, spart heute Geld und hat in acht Jahren niemanden, der prüfen kann. Bemerken wird er es erst, wenn die Erfahrenen in Rente gehen.
Ich rate deshalb dazu, Anfängeraufgaben bewusst zu behalten, auch wenn es teurer ist, und den Unterschied als Ausbildungskosten zu verbuchen. Das ist ein unpopulärer Rat, weil er in keinem Wirtschaftlichkeitsvergleich gut aussieht. Ich halte ihn trotzdem für richtig, und ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen — bisher hat es niemand versucht.
Viertens
Wissen in Köpfen wird zum Risiko
In jedem Haus gibt es Menschen, die etwas wissen, das nirgends steht: warum ein Kunde anders abgerechnet wird, welche Ausnahme seit 2011 gilt, wen man in welchem Fall zuerst anruft. Bisher war das ein Segen mit einem Schönheitsfehler.
Künftig wird es teurer. Eine Maschine kann nur mit dem arbeiten, was aufgeschrieben ist. Ein Haus, dessen Wissen in Köpfen liegt, kann die Werkzeuge in genau den Bereichen nicht einsetzen, in denen sie am meisten nützen würden — und merkt das erst nach der Einführung, wenn die Antworten dünn ausfallen.
Daraus folgt kein Auftrag, alles zu dokumentieren; das haben schon andere Wellen versucht und in Ordnern beendet, die niemand liest. Es folgt etwas Bescheideneres: dorthin schreiben, wo ohnehin gearbeitet wird, in ganzen Sätzen, mit Datum und verantwortlicher Stelle. Wer das drei Jahre lang durchhält, hat einen Bestand, mit dem sich arbeiten lässt.
Der Zusammenhang zur Ablage
Wo Bestände nur auf Papier liegen oder als Bild ohne durchsuchbaren Text, ist der erste Schritt technischer Natur. Ich erbringe solche Leistungen nicht selbst, unterstütze aber bei Anforderung, Auswahl und Steuerung eines Fachbetriebs — und lege offen, dass ich einen Anbieter dieses Marktes berate.
Fünftens
Mitbestimmung wird zur Routine
Die Beteiligung der Arbeitnehmervertretung bei KI-Werkzeugen wird derzeit noch als Sonderfall behandelt, mit externer Begleitung, langen Verhandlungen und dem Gefühl, es gehe um Grundsätzliches. Ich rechne damit, dass sich das binnen weniger Jahre legt und dieselbe Selbstverständlichkeit erreicht wie bei Arbeitszeiterfassung oder Telefonanlagen.
Das ist eine gute Nachricht für beide Seiten. Routine heißt: erprobte Formulierungen, bekannte Streitpunkte, kürzere Wege. Häuser, die jetzt eine tragfähige Vereinbarung schließen, sind die, von deren Text in drei Jahren abgeschrieben wird.
Was ich nicht erwarte
Drei Dinge, die ich für unwahrscheinlich halte
Dass Personalabbau das Hauptmotiv wird. In den mittelständischen Häusern, die ich kenne, ist das beherrschende Problem nicht zu viel Personal, sondern zu wenig. Wer keine Sachbearbeiterin findet, führt Werkzeuge ein, um die Stelle zu entlasten, nicht um sie zu streichen. Das kann sich ändern; heute ist es so.
Dass Zertifikate das Kompetenzproblem lösen. Es wird eine Menge Papier geben, und es wird gekauft werden. Artikel 4 der KI-Verordnung fragt aber nicht nach einem Papier, sondern danach, was das Personal im Hinblick auf die tatsächlich eingesetzten Systeme kann. Ein Nachweis über einen Nachmittag ersetzt das nicht, und ich wüsste nicht, wie er es sollte.
Dass die großen Debatten im Betriebsalltag ankommen. Ob Maschinen eines Tages denken, ist eine interessante Frage. In den Sitzungen, in denen ich sitze, geht es darum, ob die Schnittstelle zum Fachverfahren nachts um drei abbricht und es bis zum Quartalsende niemand merkt. Ich vermute, das bleibt so.
Zum Schluss
Was bleibt
Wenn ich eine einzige Sache aus dem vergangenen Jahr behalten dürfte, wäre es diese: Die Werkzeuge haben die Fragen nicht verändert, die eine Organisation an sich selbst stellen muss. Wer ist zuständig, wie erfahren wir, ob es funktioniert, wer sagt es, wenn nicht, und was passiert dann. Diese Fragen sind älter als jedes Modell, und keine Maschine beantwortet sie.
Was sich verändert hat, ist das Tempo, mit dem sich Versäumnisse zeigen. Ein Haus, das seine Abläufe nicht kennt, hat das früher jahrelang aushalten können. Heute fällt es beim ersten ernsthaften Versuch auf. Das ist unangenehm und im Ergebnis ein Fortschritt.
Kontakt
Wenn Sie darüber sprechen wollen
Wenn Sie zu einer dieser Einschätzungen anderer Meinung sind, höre ich mir das gern an. Ich habe im vergangenen Jahr mehr aus Widerspruch gelernt als aus Zustimmung.