KI-Transformation Organisation und Menschen

Kapitel I · Veränderung

Widerstand ist eine Auskunft

Wenn eine Belegschaft ein neues Werkzeug nicht annimmt, wird das meist als Problem behandelt, das man wegkommunizieren muss. Es ist aber keins. Es ist die genaueste Rückmeldung, die ein Vorhaben bekommen kann, und sie ist kostenlos.

Menschen, die eine Arbeit seit Jahren machen, wissen über diese Arbeit mehr als jeder, der sie von außen beschreibt. Wenn sie ein Werkzeug meiden, hat das fast immer einen Grund, den man aufschreiben kann. Manchmal ist es ein guter Grund — dann muss sich das Vorhaben ändern. Manchmal ist es ein Missverständnis — dann muss jemand reden. In beiden Fällen ist die Information wertvoller als die Zustimmung, die man sich gewünscht hätte.

Die Frage ist nur, ob man sie zu hören bekommt. In den meisten Häusern bekommt man sie nicht, weil offener Widerspruch selten ist. Was man bekommt, ist etwas anderes.

Die stille Form

Niemand sagt Nein. Es passiert nur nichts.

Die häufigste Form der Ablehnung ist keine Ablehnung, sondern Nichtgebrauch. Das Werkzeug ist freigeschaltet, die Schulung hat stattgefunden, die Zugänge sind verteilt, und in der Auswertung nach zwei Monaten steht eine Zahl, über die niemand reden möchte.

Diese Form ist deshalb so verbreitet, weil sie für alle Beteiligten bequem ist. Wer nicht benutzt, muss nichts begründen. Wer eingeführt hat, muss nicht nachfragen. Und die Geschäftsführung hat einen Haken gesetzt und wendet sich dem nächsten Thema zu. Aufgefallen ist das noch keinem Aufsichtsgremium, weil die Kosten weiterlaufen und die Nutzung niemand ausweist.

Wer das durchbrechen will, braucht nur eine Gewohnheit: nach acht Wochen nachsehen und die Antwort aushalten. Nicht als Kontrolle, sondern als Frage an sich selbst, ob das Vorhaben gut genug war.

Das Riesenrad des Hamburger Doms bei Nacht; ein Teil der Lichter und Speichen löst sich in leuchtende Würfel und Datenlinien auf

Die eigentliche Sorge

Wovor Menschen wirklich Angst haben

„Angst vor der Technik“ ist eine Erklärung, die vor allem denen gefällt, die sie benutzen. Sie erspart das Nachfragen. In den Gesprächen, die ich geführt habe, ging es fast nie um die Technik.

Es ging darum, plötzlich langsamer zu wirken als eine Maschine, und zwar vor Kollegen. Es ging um den Verlust eines Vorsprungs, den man sich über Jahre erarbeitet hat — wer im Haus als der gilt, der die alten Fälle im Kopf hat, verliert etwas, wenn jede Suche in Sekunden dasselbe liefert. Es ging um die Frage, ob die eigene Arbeit überhaupt so anspruchsvoll war, wie man geglaubt hat. Und es ging, seltener und leiser, um die Sorge, dass die nächste Sparrunde jetzt eine Begründung hat.

Auf keine dieser Sorgen hilft eine Präsentation. Auf die letzte hilft nur eine ehrliche Aussage der Geschäftsführung — und wenn sie nicht ehrlich sein kann, dann besser Schweigen als ein Versprechen, das im nächsten Quartal kassiert wird. Ein einziges gebrochenes Versprechen dieser Art kostet mehr Vertrauen, als drei gelungene Einführungen aufbauen.

Was hilft

Der erste Fall entscheidet mehr als das Werkzeug

Ein Vorhaben beginnt nicht mit der Auswahl eines Anbieters, sondern mit der Auswahl dessen, was zuerst verändert wird. Diese Wahl ist zugleich die wichtigste Entscheidung des Veränderungsteils, und sie wird meist nebenbei getroffen.

Ein brauchbarer erster Fall ist klein genug, dass man ihn zurückdrehen kann. Er betrifft eine Tätigkeit, die wiederkehrt und die niemand gern macht. Er hat einen Menschen, der freiwillig mitmacht und im Haus etwas gilt. Und er lässt sich nach acht Wochen an etwas messen, das vorher festgelegt wurde — nicht an Zufriedenheit, sondern an Durchlaufzeit, Rückfragen oder Nacharbeit.

Was ein erster Fall nicht sein sollte: das Thema, an dem die Geschäftsführung persönlich hängt. Solche Fälle werden nicht abgebrochen, wenn sie scheitern, und verbrauchen dann Vertrauen, das für später gebraucht würde.

  1. Freiwillig vor verbindlich

    Die ersten acht Wochen laufen mit Menschen, die wollen. Wer gezwungen wird, liefert Ihnen keine brauchbare Rückmeldung, sondern nur Höflichkeit.

  2. Ein Rückweg muss existieren

    Sagen Sie vorher, woran man erkennt, dass es nicht funktioniert hat, und was dann passiert. Ein Vorhaben, das nicht scheitern darf, wird nie ehrlich bewertet.

  3. Der Prüfschritt bleibt beim Menschen

    Kein Ergebnis verlässt das Haus, ohne dass jemand es gelesen hat. Das ist keine Misstrauensregel gegen die Maschine, sondern die Voraussetzung dafür, dass jemand die Verantwortung überhaupt übernehmen kann.

  4. Erst reden, dann freischalten

    Die Arbeitnehmervertretung erfährt es vor der Belegschaft, die Belegschaft vor der Kundschaft. Diese Reihenfolge ist nicht nur rechtlich geboten, sie ist auch die einzige, die sich nicht rächt.

  5. Nach acht Wochen nachsehen

    Ein Termin im Kalender, an dem gefragt wird, ob es noch benutzt wird und warum nicht. Diese eine Gewohnheit unterscheidet Häuser, in denen etwas bleibt, von Häusern, in denen jedes Jahr neu angefangen wird.

Der Kipppunkt

Es kippt, wenn es jemand weitererzählt

Es gibt in jeder gelungenen Einführung einen Moment, an dem die Sache von allein weiterläuft. Er hat nie mit einer Ankündigung zu tun. Er tritt ein, wenn jemand aus der Fachabteilung einer Kollegin in der Kaffeeküche zeigt, wie er etwas macht — nicht weil er soll, sondern weil es ihm Arbeit erspart hat.

Man kann diesen Moment nicht herstellen, aber man kann ihn verhindern. Am zuverlässigsten dadurch, dass man die Ersten zu Vorführenden macht: Wer in einer Betriebsversammlung auf die Bühne muss, um zu erzählen, wie gut es läuft, wird beim nächsten Mal nichts mehr erzählen. Das gehört zu den Dingen, die gut gemeint sind und genau das Gegenteil bewirken.

Was hilft, ist banal: dem Ersten Zeit geben. Wer zusätzlich zu seiner Arbeit auch noch etwas Neues tragen soll, tut es nicht lange.

Nicht empfehlenswert

Vier Dinge, die regelmäßig nach hinten losgehen

Die Pflichtschulung ohne Anlass. Eine ganze Belegschaft an einem Nachmittag zu schulen, bevor irgendetwas eingeführt ist, erzeugt keinen Nutzen, sondern einen Termin. Nach vier Wochen ist der Inhalt weg, weil niemand ihn gebraucht hat. Geschult wird, wenn es etwas zu tun gibt, und nach Rollen.

Der Ideenworkshop. Zwei Tage Haftnotizen, am Ende siebzig Vorschläge und niemand, der entscheidet. Das Ergebnis ist meist eine Liste, die niemand wieder ansieht, und eine Belegschaft, die gelernt hat, dass ihre Vorschläge folgenlos bleiben. Beim nächsten Mal kommt niemand mehr.

Das Leuchtturmprojekt. Der spektakuläre Fall, der zeigen soll, was alles geht. Er zeigt vor allem, was in einem geschützten Rahmen mit unbegrenzter Aufmerksamkeit möglich ist, und lässt sich hinterher nicht übertragen.

Das Verbot. Wer die Nutzung untersagt, ohne eine erlaubte Alternative anzubieten, verhindert nichts. Er verschiebt es nur auf die privaten Geräte seiner Belegschaft, und damit aus jeder Sichtbarkeit heraus. Schatten-KI ist in deutschen Betrieben der Normalfall, nicht die Ausnahme, und ein Verbot ist ihre verlässlichste Ursache.

Kontakt

Wenn Sie darüber sprechen wollen

Wenn bei Ihnen etwas eingeführt wurde und der Schwung heraus ist, lässt sich meist in einem Gespräch klären, woran es liegt. In den allermeisten Fällen liegt es an einer der Stellen, die auf dieser Seite stehen.

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