KI-Transformation Organisation und Menschen

Kapitel III · Mein Jahr

Zwölf Monate, in denen sich meine Arbeit verändert hat

Ich rede beruflich über Betriebe, in denen ich nicht arbeite. Das ist bequem, und es wird schnell unredlich. Deshalb steht hier der eigene Fall — mit dem Teil, den man auf einer Firmenseite üblicherweise weglässt.

Meine Arbeit sieht heute anders aus als vor zwölf Monaten. Nicht ein bisschen anders, sondern anders. Ich benutze mehrere KI-Systeme täglich und über den ganzen Tag verteilt: in der Recherche, in der Vorbereitung von Vorträgen und Schulungen, in der Korrespondenz, beim Sichten von Unterlagen, bei Auswertungen und für kleine Programme, die mir wiederkehrende Handgriffe abnehmen.

Wer daraus eine Erfolgsgeschichte machen will, kann das tun. Ich halte sie für unvollständig. Die Bilanz nach einem Jahr hat zwei Spalten, und die zweite ist bei mir die längere.

Martin Echt im Gespräch mit einer Person in einem Büro

Der Tag

Wie ein Arbeitstag heute abläuft

Der Unterschied liegt weniger in einzelnen Aufgaben als in den Übergängen. Früher hatte ein Arbeitstag Anlaufstrecken: eine Viertelstunde, bis ich in einem Thema drin war, eine halbe Stunde, bis der erste brauchbare Absatz stand, eine Stunde für eine Auswertung, die ich am Ende doch nicht gebraucht habe.

Diese Strecken sind kürzer geworden, und das hat den Tag dichter gemacht. Dichter ist nicht dasselbe wie produktiver. Es heißt zunächst nur, dass weniger Leerlauf darin ist — und Leerlauf ist der Ort, an dem einem Dinge einfallen. Ich habe das unterschätzt.

Was gleich geblieben ist: die Vorbereitung eines Vortrags dauert immer noch so lange wie vorher. Nicht weil die Werkzeuge nichts beitragen, sondern weil ich die gewonnene Zeit in mehr Prüfung stecke. Bei einem Vortrag stehe ich mit meinem Namen vorn im Saal. Da gehe ich jeder Zahl bis zur Quelle nach, und das dauert genauso lange wie eh und je.

Die erste Spalte

Was besser geworden ist

Der Vollständigkeit halber zuerst: Ich würde nicht zurück wollen. Die Gewinne sind real, und sie liegen an Stellen, an denen ich sie nicht erwartet hatte.

Besser

Der leere Bildschirm hat seinen Schrecken verloren

Die teuerste Zeit meines Arbeitstages war früher die erste halbe Stunde an etwas Neuem. Sie ist weg. Ich fange inzwischen mit einem schlechten Entwurf an, den ich verwerfe, und komme dadurch schneller zu dem, was ich eigentlich sagen will.

Besser

Widerspruch auf Abruf

Das Nützlichste ist nicht die Antwort, sondern der Einwand. Ich lasse mir vor jedem Vortrag die Gegenargumente zu meinen eigenen Thesen aufsagen. Manche halten nicht stand, und das erfahre ich lieber vorher als im Saal.

Besser

Dinge, die ich früher gelassen hätte

Auswertungen, für die sich der Aufwand nicht gelohnt hätte. Kleine Programme, die mir eine wiederkehrende Handgriffkette abnehmen. Übersetzungen, für die ich vorher jemanden gefragt hätte. Das ist die Veränderung, die ich am wenigsten erwartet habe: Die Schwelle, etwas überhaupt anzufangen, ist gesunken.

Besser

Breitere Recherche in derselben Zeit

Ich sehe heute mehr Material an als vorher. Das ist ein echter Gewinn — allerdings einer mit Bedingung, und die steht in der zweiten Liste.

Besser

Weniger Ausreden

Der Satz „dafür fehlt mir die Zeit“ stimmt bei einer ganzen Reihe von Aufgaben nicht mehr. Das ist unbequem und im Ergebnis gut.

Die zweite Spalte

Was schlechter geworden ist

Diese Liste schreibe ich mit einiger Vorsicht auf, weil sie leicht als Warnung vor der Technik missverstanden wird. Sie ist keine. Sie ist eine Aufstellung dessen, was mich der Gebrauch gekostet hat.

Schlechter

Die Zwischenzeit ist weg

Beim Formulieren merkt man, was man noch nicht verstanden hat. Dieser Widerstand war anstrengend und produktiv. Wenn der erste Entwurf schon dasteht, fällt er aus — und mit ihm fällt ein Teil des Denkens aus, das ich früher beim Schreiben erledigt habe. Ich merke das an mir und arbeite dagegen an.

Schlechter

Ich suche weniger selbst

Früher bin ich beim Suchen über Dinge gestolpert, die ich nicht gesucht hatte, und ein Teil davon war später das Wertvollste. Wer eine fertige Antwort bekommt, stolpert nicht mehr. Das ist ein Verlust, den man erst bemerkt, wenn er schon eingetreten ist.

Schlechter

Die Aufmerksamkeit lässt nach, wo nichts passiert

Wenn zwanzig Ergebnisse hintereinander brauchbar sind, sinkt die Sorgfalt beim einundzwanzigsten. Das ist keine Charakterschwäche, sondern eine bekannte Eigenschaft von Menschen bei Überwachungsaufgaben. Genau deshalb funktioniert die Regel „ein Mensch schaut drüber“ in der Praxis schlechter, als sie im Konzept aussieht.

Schlechter

Abhängigkeit, die ich mir nicht ausgesucht habe

Anbieter ändern Bedingungen, Preise und Modelle, ohne zu fragen. Ich habe im vergangenen Jahr zweimal umgestellt, weil sich Grundlagen verschoben haben. Für ein Ein-Personen-Unternehmen ist das ärgerlich; für ein Haus mit dreihundert Beschäftigten und einem eingeführten Ablauf ist es ein Betriebsrisiko, das in kaum einer Planung steht.

Der ehrlichste Satz über das vergangene Jahr ist: Ich bin schneller geworden und nicht klüger. Ob beides zusammengehört, weiß ich noch nicht.

Die Konsequenz

Fünf Regeln, die ich mir daraufhin gegeben habe

Keine davon ist originell, und genau das ist der Punkt. Es sind Regeln gegen die eigene Bequemlichkeit, und sie wirken nur, solange man sie einhält, wenn es ungelegen kommt.

  1. Nichts verlässt das Haus ungelesen

    Kein Text, keine Auswertung, keine Folie, die ich nicht vollständig gelesen habe. Vollständig heißt vollständig, auch der mittlere Absatz, der beim Überfliegen unverdächtig aussieht.

  2. Jede Zahl bis zur Quelle

    Steht in einem Ergebnis eine Zahl, ein Datum oder ein Paragraf, gehe ich zur Fundstelle. Ohne Ausnahme, auch wenn es plausibel klingt — vor allem dann, wenn es plausibel klingt.

  3. Erst die eigene Antwort, dann die Frage

    Bevor ich etwas eingebe, schreibe ich in Stichworten auf, was ich selbst dazu denke. Das kostet zwei Minuten und ist der einzige mir bekannte Weg, den eigenen Standpunkt nicht zu verlieren.

  4. Fremde Daten nur mit Vertrag

    Unterlagen von Kunden gehen ausschließlich in Systeme, für die ein Auftragsverarbeitungsvertrag vorliegt und deren Verarbeitungsort ich kenne. Was diese Bedingung nicht erfüllt, wird von Hand gemacht, auch wenn es länger dauert.

  5. Regelmäßig ohne

    Ich mache jede Woche mindestens eine Sache bewusst so, wie ich sie vor zwei Jahren gemacht hätte. Nicht aus Nostalgie, sondern um zu merken, ob ich es noch kann. Bisher konnte ich es. Ich möchte es rechtzeitig erfahren, falls sich das ändert.

Übertragung

Was daraus für ein Unternehmen folgt

Ich bin ein Einzelfall und obendrein ein günstiger: Ich entscheide allein, ich hafte allein, und ich kann eine Regel ändern, indem ich sie ändere. In einem Haus mit mehreren hundert Beschäftigten liegt das anders, und drei meiner sieben Punkte werden dort schwerer.

Der Prüfaufwand verteilt sich ungleich. Der Zeitgewinn entsteht bei dem, der etwas erzeugt. Die Prüflast entsteht bei dem, der es freigibt. Wenn beide nicht dieselbe Person sind — und das sind sie in Organisationen selten —, entsteht eine stille Verschiebung von Arbeit nach oben oder in eine Fachabteilung hinein. Diese Verschiebung steht in keiner Wirtschaftlichkeitsrechnung, die ich bisher gesehen habe.

Die nachlassende Aufmerksamkeit ist ein organisatorisches Problem, kein persönliches. Wer eine Prüfpflicht einführt, muss sie so gestalten, dass sie auch beim einundzwanzigsten Fall noch stattfindet: durch Stichproben, durch Wechsel der prüfenden Person, durch einen Anlass, tatsächlich hinzusehen. „Ein Mensch schaut drüber“ ist als Satz in einer Betriebsvereinbarung wohlfeil und in der Praxis dünn.

Der Verlust der Anfängeraufgaben. Bei mir fällt er nicht ins Gewicht, weil ich meine Ausbildung hinter mir habe. In einem Betrieb, der ausbildet, ist es die ernsteste Frage überhaupt — und sie gehört ins letzte Kapitel.

Kontakt

Wenn Sie darüber sprechen wollen

Falls Sie Ähnliches beobachten und wissen wollen, ob das an Ihrem Haus liegt oder am Thema: In den meisten Fällen liegt es am Thema. Das zu hören ist erfahrungsgemäß eine Erleichterung.

web@echt-gmbh.de
+49 170 750 28 10

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